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Wie sich Venezuelas Krise auf die indigene Bevölkerung auswirkt

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geflohene Warao-Indigene in Brasilien Unterkunft der geflohene Warao-Indigene in brasilianische Ort Boa Vista |  Bild: © Amazônia Real [CC BY 2.0]  - Flickr

Unterkunft der geflohene Warao-Indigene in brasilianische Ort Boa Vista | Bild: © Amazônia Real [CC BY 2.0] - Flickr

Wie sich Venezuelas Krise auf die indigene Bevölkerung auswirkt

Seit der wirtschaftlichen Krise 2014 sind mehr als 4 Millionen Menschen aus Venezuela geflohen, auch indigene Bevölkerungsgruppen gehören dazu. Olnar Ortiz, der als Indigenen-Beauftragter für die venezolanische NGO Foro Penal arbeitet, berichtet, dass über 900 indigene Pemon aus dem venezolanischen Bundesstaat Bolívar nach Brasilien geflüchtet sind. Die Indigenen haben aufgrund von Konflikten mit dem Militär, das den südlichen Teil von Bolivar besetzt, ihr Land verlassen. Die Pemon-Indigenen wurden in verschiedenen brasilianischen Siedlungen untergebracht und bekamen Unterstützung von brasilianischen indigenen Völkern. Die meisten sind weiter im südamerikanischen Land geblieben. Olnar Ortiz befürchtet den Verlust der Kontrolle über ihre Gebiete an die Regierung, falls weitere Indigene aus ihrem Territorium fliehen müssen. 1) Zeit: Mehr als vier Millionen Venezolaner haben ihr Land verlassen; Artikel vom 07.06.2019 2) Nachrichtenpool Lateinamerika: 900 Indigene aus Venezuela nach Brasilien geflohen; Artikel vom 03.05.2019 3) Nachrichtenpool Lateinamerika: Indígenas aus Venezuela auf der Flucht nach Brasilien; Artikel vom 17.03.2019

Seit Ende Februar ist die Anzahl der geflohenen Indigenen stark angestiegen. Am 23. Februar ereignete sich ein Vorfall an der venezolanischen Grenze, als Pemon der Gemeinde Kumarakapay versucht hatten, mit Straßenblockaden das Vordringen des Militärs zur Grenze zu verhindern. Staatsoberhaupt Nicolás Maduro hatte der Armee befohlen, die Grenze Venezuelas zu Brasilien zu schließen, um den Transport von Hilfsgütern ins Land zu verhindern. Bei der Auseinandersetzung zwischen den Indigenen und venezolanischen Streitkräften hatte die Soldaten das Feuer eröffnet. Sieben Menschen verloren das Leben, weitere wurden verletzt. Mehrere Indigene wurden verhaftet und von den Behörden in Gewahrsam genommen. Neben Soldaten gingen auch die sogenannten „Colectivos“ gegen die Bevölkerung vor. Die paramilitärischen Einheiten, die loyal zu Maduro stehen, setzen sich in Teilen aus ehemaligen Sträflingen, kriminellen Banden und früheren Rebellen zusammen. Die Pemon-Familien sind in die umliegenden Wälder und Berge geflohen. 4) Nachrichtenpool Lateinamerika: 900 Indigene aus Venezuela nach Brasilien geflohen; Artikel vom 03.05.2019 5) survivalinternational: Venezuelas Militär schießt auf Gruppe von Pemon; Artikel vom 01.03.2019 6) Zeit online: Ein blutiger Bluff; Artikel vom 27.02.2019

Nach offiziellen Schätzungen leben mehr als 40 indigene Völker in  Venezuela, 2,8 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes. Die meisten leben in ländlichen und tropischen Bereichen im nordöstlichen Venezuela, besonders im Orinoco-Delta. Weitere wohnen im Bundesstaat Bolivar, Amazons und Apure, der im südlichen Venezuela liegt, sowie im Bundesstaat Zulia. Die Mehrheit lebt in Umweltschutzzonen (ABRAE = Area Bajo Régimen de Administración Especial), also Nationalparks, Waldschutzgebiete etc. Im Rahmen der sogennanten Bolivarischen Revolution wurde 1999 die Verfassung zugunsten indigener Völker geändert. Sie gewährt den Ureinwohnern umfangreiche Rechte über ihre Kultur, ihr Land und ihre Sprache sowie politische Teilhabe im venezolanischen Parlament. Zudem versprach die Regierung in Caracas den Indigenen, die Einnahmen aus dem Erdölverkauf in zahlreiche soziale Programme zu deren Schutz und Unterstützung zu investieren. Doch nun, ca. zwanzig Jahren später, wurden die meisten Versprechen nicht gehalten und seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise erreicht die Hilfe die indigenen Gebiete nicht mehr. 7) IWGIA: THE INDIGENOUSWORLD 2019; Stand vom 21.06.2019 8) Klimabündnis: Venezuela: Die Organisation der indigenen Völker im Amazonas (ORPIA); Stand vom 21.06.2019 9) dateline: Venezuela: Indigenous people are forgotten victims of crisis as profits trump rights; Artikel vom 01.05.2019

Seither ist die Sterberate unter der indigenen Bevölkerung stark angestiegen. Zahlreiche Gemeinden leiden unter chronischer Unterernährung. Vielen Kinder sind an Mangelernährung gestorben. Im Orinoco-Delta sind Masern, Diphtherie und Malaria ausgebrochen. Illegaler Bergbau und die Abholzung von Regenwald begünstigen die Verbreitung von Krankheiten wie Malaria, denn zurückbleibendes stehendes Wasser bietet ein ideales Brutgebiet für die Malariamücken. 10) DW Deutsch: Hunger und Epidemien: Indigene Völker in Venezuela in Gefahr; Artikel vom 10.08.2018

Aufgrund zunehmender Militarisierung in den nördlichen Bundesstaaten Bolivar und Amazons kam es in der Vergangenheit häufig zu Konflikten zwischen der indigenen Bevölkerung und der Bolivarischen Nationalgarde GNB. Vorheriges Jahr im Dezember wurde ein Pemon-Mann erschossen und zwei weitere Personen verletzt, als eine Militäroperation gegen illegal tätige Goldschürfer in Canaima National Park durchgeführt wurde. Die Streitkräfte unterstützen das umstrittene Großprojekt „Arco Minero Orinoco“ (Minenbogen des Orinoco-Flusses), bei dem ein bestimmtes Gebiet zu einer „nationalen, strategischen Entwicklungszone“ erklärt wurde, damit Unternehmen dort Bodenschätze ausbeuten können und der illegale Bergbau somit eingeschränkt wird. In dem Gebiet mit einer Größe von über 110.000 Quadratkilometern – 12 Prozent der Fläche Venezuelas – gibt es große Rohstoffvorkommen, besonders Gold, Coltan, Eisen, Diamanten und Bauxit. Die südamerikanische Regierung hat das Projekt 2016 gegründet, um Einnahmen aus dem Bergbau zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise zu nutzen.

Viele indigene Völker lehnen es aufgrund der Zerstörung des Regenwalds und der Beeinträchtigung ihrer Heimat ab. Oft kam es zu Auseinandersetzungen mit bewaffneten Gruppen, die in indigenes Territorium eindringen und die Umwelt mit illegalem Bergbau beschädigen und um die Kontrolle über illegale Minen in dem Gebiete zu erlangen. Zudem schleppen sie Krankheiten wie Masern oder Grippe ein, denen die isolierten Yanomami-Gemeinden kaum etwas entgegen setzen können.

Aufgrund der zunehmenden Gewalt haben die Pemón vor wenigen Jahren einen eigenen Sicherheitsdienst gegründet. Sie gehen gegen Schmuggler, Drogenhändler und illegale Goldschürfer vor und gegen Leute, die im Verdacht stehen, an den Verbindungen zur Maduro-Regierung und dem Militär mitzuverdienen. Die Pemon sind untereinander zerstritten, denn der indigene Bürgermeister der Grenzstadt Santa Elena unterstützt die Opposition, während ihr ranghöchster Vertreter im Parlament treu zu Maduro steht. Dies gewährt ihm Zugang zu Lebensmitteln und Medizin, die dann an die Dörfer weitergegeben werden. Somit werden neue Konflikte mit den Maduro-Gegnern geschaffen. 11) survivalinternational: Venezuelas Militär schießt auf Gruppe von Pemon; Artikel vom 01.03.2019 12) Amnesty International: Angriff auf indigene Gemeinschaften; Artikel vom 19.12.2018 13) dateline: Venezuela: Indigenous people are forgotten victims of crisis as profits trump rights; Artikel vom 01.05.2019 14) Klimabündnis: Venezuela: Die Organisation der indigenen Völker im Amazonas (ORPIA); Stand vom 21.06.2019 15) survivalinternational: Venezuela: Bedrohlicher Masern-Ausbruch bei isolierten Yanomami; Artikel vom 29.06.2018 16) Zeit online: Ein blutiger Bluff; Artikel vom 27.02.2019

Aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Krise sind neben den Pemon auch andere Mitglieder indigener Völker aus Venezuela geflohen. Die Warao beispielsweise – zweitgrößtes indigenes Volk in Venezuela – sind nach Brasilien und Guyana geflüchtet. Sie wurden in Unterkünfte gebracht oder schliefen auf Straßen. Viele wollen nicht nach Venezuela zurückkehren, solange die wirtschaftliche Talfahrt des Landes anhält. 17) latinapress: Exodus aus Venezuela: Immer mehr Indigene flüchten nach Guyana; Artikel vom 12.10.2018 18) latinapress: Vertriebene Indigene der Warao: Linkspopulismus in Venezuela erreicht kriminelle Ausmaße; Artikel vom 23.11.2107

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Fußnoten und Quellen:   [ + ]

Dominik / earthlink

Ich habe letztes Jahr an der Samuel-Heinicke-Fachoberschule den Abschluss gemacht. Jetzt absolviere ich den Bundesfreiwilligdienst bei earthlink e. V.. Ich möchte selbst aktiv bei sozialpolitischen Themen mitwirken und freue mich neue Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit zu sammeln.

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