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Wie unser Müll den Lebensraum asiatischer Entwicklungsländer vereinnahmt

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Mann sortiert Plastik Da China kürzlich den Import von Plastikabfall eingestellt hat, landet immer mehr Müll aus Europa in südostasiatischen Entwicklungsländern |  Bild: ©  Ikhlasul Amal [CC BY-NC 2.0]  - flickr

Da China kürzlich den Import von Plastikabfall eingestellt hat, landet immer mehr Müll aus Europa in südostasiatischen Entwicklungsländern | Bild: © Ikhlasul Amal [CC BY-NC 2.0] - flickr

Wie unser Müll den Lebensraum asiatischer Entwicklungsländer vereinnahmt

Konsumieren und Entsorgen – ein sich stets wiederholender Kreislauf. Dabei ist „Entsorgen“ ein dehnbarer Begriff. Was mit Kaffeebechern, Wasserflaschen oder Einkaufstüten passiert, nachdem sie ausgedient haben, befindet sich dann meist außerhalb unserer alltäglichen Wahrnehmung. Das hat sich in so manchen Haushalten verändert, als China einen Importstopp für den Müll aus Europa verkündet hat. Erst durch diesen verlagerte sich der Fokus von Müllimport auch auf den ihm vorausgehenden Export. Auf einmal wird auch letzterer sichtbar, wobei erschreckende Zahlen zum Vorschein kommen. Allein die EU-Mitgliedstaaten machen 87 Prozent des weltweiten Plastikmülls aus, der nach China exportiert wird. Deutschland ist vorne mit dabei. Jährlich exportiert die Bundesrepublik rund 760.000 Tonnen Kunststoffabfälle nach China. Seit den achtziger Jahren gehört die Volksrepublik zu den größten Müllimporteuren weltweit. Rund 72 Prozent des globalen Plastikmülls wurden seit 1992 nach China und Hongkong verlagert. 7,3 Millionen Tonnen Plastikmüll importierte China im Jahr 2016 Dieser wird dort teilweise per Hand sortiert um dann zur Herstellung von Kunststoffen genutzt werden zu können oder er wird verbrannt. 1) isw: Kapitalismus und Vernichtung der Lebensgrundlagen; Artikel vom 3.4.2018

Was den Müllimport betrifft schlägt die Regierung in Peking nun aber ein neues Kapitel auf und leitet einen radikalen Stopp ein. Denn mit stetig anwachsendem Wohlstand häuft China inzwischen selbst viel Müll an und versucht umweltbewusster zu werden. Seit Beginn letzten Jahres dürfen 24 verschiedene Recyclingmaterialen nicht mehr nach China exportiert werden. 2) Zeit: Die Weltmüllkippe schließt; Artikel vom 6.1.2018

Diese Maßnahme könnte ein bedeutender Beitrag für die Lösung der gravierenden Umweltprobleme des Landes sein. Jedoch eben nur für die Chinas. Denn der Importstopp der Volksrepublik bedeutet nicht, dass Deutschland und andere Müllexporteure ihren Abfall ab jetzt selbst verwalten werden. Stattdessen wird selbiger in andere asiatische Länder – meist Entwicklungsländer – verlagert. Indonesien, Indien, Vietnam, Malaysia und Thailand sollen zu zukünftigen Abnehmern werden. Nach Indonesien und Malaysia zum Beispiel schickte Deutschland 2018 jeden Monat rund 10.000 Tonnen Plastikmüll. Und damit ist die Bundesregierung nicht alleine. Die USA, Großbritannien, Japan und 21 weitere Nationen verlagern ebenfalls ihren Plastikmüll in diese Regionen. Auch China selbst leitet schlecht verwertbaren Müll zum Beispiel nach Malaysia weiter. Der Müll wird also zwischen den Ländern hin- und hergeschoben. Sobald ein Land einen Importstopp verhängt, werden die Abfälle in ein anderes weitergeleitet. 3) DW: Chinas Importstopp: Alter Müll, Neue Häfen; Stand April 2019 4) Greenpeace: Greenpeace-Report: Chinesischer Importstopp lenkt Plastikmüll nach Südostasien; Artikel vom 23.4.2019

Besagte Müllmassen beschädigen die betroffenen Lebensräume enorm. Nur 10 Prozent der Müllimporte werden wiederverwertet. Der Rest wird verbrannt oder landet auf meist illegalen Mülldeponien. Giftstoffe im Müll oder Verletzungen am Müll bedeuten für die dort lebenden Tiere und Menschen erhebliche Gesundheitsgefährdungen, welche immer wieder auch zum Tode führen. In Guiyu, einer Stadt in Südchina, in der von auf Müllhalden arbeitenden Menschen Geräte ausgenommen werden, stellten ÄrztInnen bei 80 Prozent der untersuchten Kinder hohe Konzentrationen an Blei im Blut fest. Auch Erkrankungen wie Asthma und Lungenkrebs in den entsprechenden Gegenden könnten mit den Müllmassen in Verbindung gebracht werden. Entsprechend der ansteigenden Erkrankungen müssen die Menschen immer mehr Geld in ihre Gesundheitsversorgung investieren, was sich jedoch nicht jeder leisten kann. Auch auf die regionale Wirtschaft, wie Landwirtschaft und Fischerei, wirkt sich die Müllsituation restriktiv aus. Der nicht wiederverwendbare Müll landet oft im Meer, in Flüssen und auf Äckern. Wasser und Boden werden durch giftiges Sickerwasser aus umliegenden Mülldeponien verseucht, was wiederum negative Veränderungen der landwirtschaftlichen Verträge bedingt. Auch die Nahrung aus dem Meer wird zunehmend ungenießbar, da Plastik von Fischen und anderen Meerestieren gefressen und somit in die Nahrungskette mit aufgenommen wird. Kontaminierte Produkte können nicht mehr verkauft werden und die Fischindustrie muss Einbußen in ihren Verkaufszahlen verzeichnen. 5) DW: Chinas Importstopp: Alter Müll, Neue Häfen; Stand April 2019 6) Greenpeace: Greenpeace-Report: Chinesischer Importstopp lenkt Plastikmüll nach Südostasien; Artikel vom 23.4.2019 7) Zeit: Die Weltmüllkippe schließt; Artikel vom 6.1.2018 8) Tagesschau: Importstopp – China will Europas Müll nicht mehr; Artikel vom 18.4.2018 9) Zeit: UN-Studie: Elektroschrott in Asien bedroht Gesundheit; Artikel vom 15.1.2017 10) Handelsblatt: Müll in Indonesien – Jenseits der Abfallberge; Artikel vom 25.10.2016

Die für die dort lebenden Menschen unmittelbar zu spürenden Auswirkungen der Müllumlenkung ziehen außerdem globale Konsequenzen nach sich. Um sich den finanziellen Einbrüchen und den gefährlichen Gesundheitsrisiken zu entziehen, sehen sich einige dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Sie fliehen vor von westlichen Industrieländern produzierten Müll.

Lockere Einfuhrvorschriften und unzureichende Kontrollen machen die neuen Importländer zu attraktiven Müllabnehmern. Zwar haben diese nun ebenfalls strengere Regelungen aufgestellt, da die Regierungen jedoch mit den Kontrollen überfordert sind, werden weiterhin Massen an gemischtem Plastik in die Regionen geliefert.

Nicht erst seit dem Importstopp Chinas ist klar, dass die bloße Umverteilung des Mülls keine für alle zufriedenstellende Lösung bietet. Die Kapazitäten an Müllverarbeitung der westlichen Industrienationen sind allerdings ebenfalls schon längst überschritten, was ein Umdenken dieser erfordert. Sich auf die Müllexporteure zu verlassen, scheint hinsichtlich der Vergangenheit ungenügend zu sein. Denn so wie es aussieht, wird der Export von ausländischen Abfällen in asiatische Entwicklungsländer weiterhin bestehen bleiben und dem dortigen Lebensraum erhebliche Schäden zuführen. Es drängt sich also die Frage auf: Was können wir tun, um den Müllexport durch unsere eigenen Abfälle nicht noch zusätzlich anzukurbeln? Die 760.000 Tonnen Kunststoffabfälle, die Deutschland jährlich nach China schickt, bestehen zu einem sehr großen Teil aus Folien aus Polyethylen und PET, sprich aus Plastikflaschen. Die Bundesrepublik verbraucht so viel Plastik wie kein anderes EU-Land. Besonders sollten wir also unseren Plastikflaschenkonsum reduzieren und natürlich Plastikverbrauch generell. Einfache Regeln, nach denen man sich diesbezüglich richten kann, sind mittlerweile den meisten bekannt. Statt Plastiktüte eine Tasche mit in den Supermarkt nehmen, Leitungswasser statt Wasser aus Plastikflaschen trinken, auf wiederverwendbare Verpackungen anstatt auf Alufolien zurückgreifen oder anstatt neues zu kaufen, re- und upcyclen, tauschen, oder leihen – und sich solche Methoden angewöhnen. 11) Greenpeace: Was tun gegen die Plastikflut – 10 Tipps für weniger Plastik; Stand April 2019 12) Zeit: Die Weltmüllkippe schließt; Artikel vom 6.1.2018

Müll geht uns alle an. Das sollte eigentlich selbstredend sein, vor allem weil der Abfall, welcher am meisten Schaden anrichtet, hauptsächlich von uns kommt. Bis jetzt tun wir jedoch noch so, als würde er nur die angehen, die weit entfernt von den VerursacherInnen leben. Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse anderer. 13) isw: Kapitalismus und Vernichtung der Lebensgrundlagen; Artikel vom 3.4.2018

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Fußnoten und Quellen:   [ + ]

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Ich bin Sabrina, studiere Ethnologie an der LMU in München und bin bei Earthlink ev. um mich mit Themen zu beschäftigen, mit denen man im Alltag nicht unbedingt konfrontiert wird.

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